– Detlef Büttner –
Unser Gesundheitssystem läuft am Limit, tagtäglich ringen Kliniken, Pflegeeinrichtungen und Praxen damit, trotz knapper Ressourcen eine hochwertige Versorgung sicherzustellen. Die zunehmende Einsamkeit in der Gesellschaft und der demografische Wandel verschärfen diese Situation zusätzlich. Es wird in Zukunft schlicht zu wenige Menschen geben, die sich um die vielen kümmern können, die Unterstützung benötigen.
Und kann Künstliche Intelligenz (KI) sogar Empathie simulieren, um uns bei der Bewältigung dieser Krise zu unterstützen? Genau diese Fragen standen im Mittelpunkt meines jüngsten Live-Talks mit Prof. Dr. Jochen A. Werner, Vorstandsvorsitzender der Universitätsmedizin Essen und „Pionier der Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen“ (Süddeutsche Zeitung). Gemeinsam mit Prof. Dr. David Matusiewicz hat er das Buch „Künstliche Empathie“ verfasst, das im Mittelpunkt unseres Gesprächs stand. Die Autoren sehen in der Künstlichen Empathie eine vielversprechende „Second Best Variante“, die zumindest einen Teil der Lösung darstellen kann, auch wenn sie den Menschen nicht vollständig ersetzt.

Die Potenziale von Künstlicher Empathie im Gesundheitswesen sind vielfältig und bieten konkrete Ansätze zur Bewältigung der Herausforderungen. Diese Anwendungen dienen oft als Blaupause für andere Branchen, da sie zeigen, wie KI nicht nur Effizienz, sondern auch menschliche Bedürfnisse adressieren kann:

Prof. Dr. Jochen A. Werner,
Universitätsmedizin Essen
KI-gesteuerte Assistenzsysteme und Pflegeroboter können repetitive und zeitaufwendige Aufgaben übernehmen. Dazu gehören die Erinnerung an Medikamenteneinnahme, die Planung von Terminen oder das Bereitstellen von Notfallerkennung. Pflegeroboter können zudem älteren Menschen helfen, länger selbstständig in ihrer gewohnten Umgebung zu bleiben und so den Wunsch nach einem Verbleib im eigenen Zuhause unterstützen. Generell trägt der Einsatz von KI in der Arbeitswelt dazu bei, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.
Virtuelle Assistenten und soziale Roboter können älteren Menschen Gesellschaft leisten, Gespräche führen und soziale Isolation verringern. Diese empathische Interaktion zwischen Maschine und Mensch kann eine Alternative bieten, wenn menschlicher Kontakt fehlt. KE-Systeme können beispielsweise helfen, Menschen in Trauersituationen psychologisch zu unterstützen, indem sie Gespräche führen, Ratschläge geben oder einfach nur zuhören.
Studien zeigen, dass KI-Chatbots in der Lage sein können, präzisere und einfühlsamere Antworten auf gesundheitsbezogene Fragen zu geben als menschliche Ärzte. Dies kann das Vertrauensverhältnis stärken und zur Patientenzufriedenheit beitragen, insbesondere bei der Ferndiagnose und -beratung über Telemedizin. Dieses Potenzial gilt auch für andere Bereiche: Im Kundenservice werden KI-gesteuerte Chatbots eingesetzt, um menschliche Emotionen zu erkennen und darauf zu reagieren, wodurch eine personalisierte Interaktion entsteht.
Intelligente Wearables, Sensoren und Stimmanalysen können kontinuierlich Gesundheitsparameter überwachen und Abweichungen oder Gesundheitsprobleme frühzeitig erkennen, z.B. bei Parkinson, Depressionen oder Herzkrankheiten. Im Alltag können Smartphones, ausgestattet mit Sensoren und Algorithmen, Stimmuster und Stresslevel erkennen und sanfte Erinnerungen an Pausen oder Meditationsübungen senden.
KI kann Verwaltungsprozesse in Krankenhäusern und Behörden automatisieren und rationalisieren. Dies steigert die Effizienz und trägt zur Transformation des Krankenhauses zum „Smart Hospital“ bei, das vernetzte Strukturen und digitale Automatismen in Pflege, Medizin und Therapie integriert.
Die Fähigkeit der KI, Emotionen zu simulieren, dringt in immer mehr Lebensbereiche vor und definiert die Interaktion zwischen Mensch und Maschine neu.
Die Fähigkeit der KI, Emotionen zu simulieren, dringt in immer mehr Lebensbereiche vor und definiert die Interaktion zwischen Mensch und Maschine neu.
Trotz all dieser Potenziale betonen die Autoren, dass Maschinen Emotionen lediglich simulieren und nicht wirklich fühlen können. Dies ist ein fundamentaler Unterschied zum menschlichen Bewusstsein und Empfinden. Maschinen können Daten analysieren und auf Basis von Algorithmen „emotionsähnliche“ Reaktionen zeigen.
Für Unternehmen und Verantwortliche im Gesundheitswesen und allen anderen Branchen sind daher wichtige ethische, soziale und rechtliche Implikationen zu berücksichtigen:
Unersetzlichkeit menschlicher Empathie: Die menschliche Verbindung, das Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit, selbstlos zu handeln, bleiben von unschätzbarem Wert und können nicht vollständig durch Technologie ersetzt werden. Technologie sollte menschliche Beziehungen ergänzen, nicht ersetzen.
Die EU-Verordnung über künstliche Intelligenz (EU AI Act), die seit dem 1. August 2024 in Kraft ist, stellt einen wichtigen Schritt dar, um die verantwortungsvolle Entwicklung und Nutzung von KI zu fördern und Risiken zu minimieren. Sie unterteilt KI-Systeme risikobasiert und verbietet Anwendungen, die ein inakzeptables Risiko darstellen, wie z.B. staatlich betriebenes Social Scoring. Dies ist entscheidend, um die Balance zwischen Sicherheit und Innovationsförderung zu finden.
Verantwortlichkeit und Transparenz: Bei Fehlern oder Problemen mit KI-Systemen muss klar sein, wer die Verantwortung trägt. Nutzer müssen verstehen können, wie und warum eine KI bestimmte emotionale Reaktionen zeigt; eine transparente Kommunikation der Funktionsweise ist entscheidend.
Chancen erkennen und nutzen: Die Automatisierung von Prozessen, die Verbesserung der Patientenerfahrung und die Entlastung des Personals durch KI-Einsatz sind immense Potenziale zur Bewältigung des Fachkräftemangels und der Kostenineffizienz.
Verantwortungsvoller Umgang: Etablieren Sie klare ethische Richtlinien und sorgen Sie für Transparenz bei der Implementierung von KI-Systemen.
Menschliche Fähigkeiten stärken: Investieren Sie in die Ausbildung Ihrer Mitarbeiter im Bereich der Empathie und Kommunikation, um die unverzichtbare menschliche Komponente zu bewahren und zu stärken.
Interdisziplinäre Zusammenarbeit: Fördern Sie den Dialog zwischen Technologieentwicklern, Ethikern und Fachkräften aus dem Gesundheitswesen, um bestmögliche und verantwortungsvolle Lösungen zu entwickeln.
"Für mich waren die Impulse von Jochen Werner sehr bereichernd. Technologie zu nutzen, um herauszufinden, was Menschen (ältere Menschen, Menschen mit Assistenzbedarf etc.) bewegt, um gemeinsam zu lernen, ist für mich der Schlüssel, warum Mensch und Maschine zukünftig enger zusammenarbeiten sollten."
Johanna Lingner, Ev. Johanneswerk gGmbH